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Thermoelastizität und Hysterese
der martensitischen Umwandlungen von Formgedächtnislegierungen
Teil I. Hysterese der thermoinduzierten, spannungsfreien Umwandlungen
V. Prieb, TU-Berlin, Deutschland
Proceeding of the 1st US-Russian workshop
"New Physical and Mathematical Approaches to Computer Aided Design
of Shape Memory Alloys"
St. Petersburg, 1995, 126-132
Kurzfassung: Die thermische Hysterese der thermoelastischen martensitischen Umwandlungen von
Einkristallen der Cu-Al-X (X = Zn, Ni, Mn), NiTi und Mn-Cu
Formged?chtnislegierungen sind mit Hilfe von Kaloriemetrie untersucht worden.
Das Innere der Hysterese wird bei allen Legierungen durch zwei inneren Gleichgewichtslinien
charakterisiert, die im Falle der symmetrischen Hystereseschleifen parallel
zueinander verlaufen.
Ansonsten teilen diese die Hysteresefläche in drei Teile: zwei
davon sind als Dreiecke mit gleichen Flächen durch diese Gleichgewichtslinien
und die diesen Linien entsprechenden thermoelastischen Äste der
Haupthystereseschleife beschränkt, und das dritte in der Form eines
Parallelogramms wird durch die beiden Gleichgewichtslinien gebildet und als
latente Hysterese bezeichnet.
Die Fläche der beiden Dreiecke stellt die elastische, an den
Phasengrenzen gespeicherte und während der Hin- und Rückumwandlung dissipierte
Energie dar. Die gesamte, in einem Zyklus dissipierte Energie wird als Summe
der zweien, von der Phasenfraktion parabolisch abhängigen Terme und einem
linearen Term dargestellt. Koeffizient der parabolischen Abhängigkeit ist
als der die Steigung der Hysterese charakterisierende und in Energieeinheiten ausgedrückte
Thermoelastizitätskoeffizient definiert worden.
Einfluss der Skannierungsgeschwindigkeit und
Kristallinengrenzen auf die latente Hysterese und auf den
Thermoelastizitätskoeffizienten ist ebenfalls untersucht worden. Der Zusammenhang
zwischen der Thermoelastizität und der Hysterese wird diskutiert.
Einführung: Der Überblick des Forschungsstandes im
Bereich der Formgedächtnislegierungen zeigt mehrere Streitpunkte und
Unklarheiten. Dies betrifft grundsätzlich das Problem des Zusammenhanges der
Thermoelastizität (als Speicherung der elastischen Energie zu verstehen und als
Steigung der Hystereseschleife zu beobachten) und der Hysterese (als
Energiedissipation zu verstehen und als Fläche der Hystereseschleife zu
beobachten) und lässt folgende Fragen formulieren:
-
Was verursacht und was bewirkt die Steigung und die Größe einer
Hystereseschleife?
-
In welchem Zusammenhang stehen miteinander diese Charakteristiken
der sogenannten thermoelastischen martensitischen Umwandlungen von
Formgedächtnislegierungen?
-
Was verursacht die der Haupthystereseschleife entsprechenden
metastabilen Gleichgewichtszustände und wo innerhalb der Hystereseschleife
befindet sich die das globale Phasengleichgewicht beschreibende Trajektorie?
-
Welchen Charakter (stabil, instabil, indifferent) hat das globale
Gleichgewicht der Zweiphasenmischung?
-
Gibt es eine Gemeinsamkeit im Hystereseverhalten nicht nur bei
verschiedenen Formgedächtnislegierungen miteinander, sondern auch mit anderen
Legierungen, welche die Hysterese einer anderen Natur aufweisen?
Die erste Frage bezieht sich auf die physikalische Besinnung der
nicht chemischen (elastischen) und der dissipativen treibenden Kräfte, die als erste Ableitung von der
Umwandlungsenergiebilanz entlang einer Umwandlungstrajektorie definiert werden und in
den die Umwandlungshysterese beschreibenden Bilanzen in unterschiedlichen
phänomenologischen Konzepten und Theorien auf eine oder andere Weise auftreten.
Die Natur dieser Kräfte ist bis heute nicht gedeutet worden. In allen Fällen
handelt es sich um die Energie der Phasengrenzen an sich, ihre Zusammenwirkung
miteinander und mit den Gitter- oder Strukturdefekten (Leerstellen und ihre
mehrdimensionalen Kombinationen, Stapelfehler, Versetzungen, Kristallinengrenzen usw.).
All diese Fragen sind durch Untersuchung des Inneren von
Hystereseschleifen zu beantworten. Dies wird durch einen Umlauf von allen
möglichen inneren Trajektorien in partiellen Umwandlungszyklen ermöglicht, wie
es auch in manchen experimentellen Arbeiten vorgenommen wurde. Die Anzahl
derartiger Untersuchungen bleibt immer noch nicht ausreichend, um eindeutige
Ergebnisse zu sammeln, und glaubwürdige Schlüsse zu ziehen. Unter allen
derartigen Arbeiten gibt es kaum vergleichbare Ergebnisse über die
Gleichgewichtstrajektorien innerhalb der Haupthystereseschleife.
Die in Müllers Theorie für die ideale Pseudoelastizität
beschriebene sinkende Diagonale war in einzelnen und einzigartigen Experimenten
auf den Cu-Zn-Al-Einkristallen von
seinem chinesischen Mitarbeiter Herrn Fu kunstvoll, durch die dem Clausius-Clapeyron-Verhältnis
entsprechende Manipulation der Probentemperatur in verschiedenen partiellen Verformungszyklen erfunden worden.
Zwei senkrechte Linien ergeben sich bei den martensitischen,
spannungsfreien Umwandlungen der NiTi-Mehrkristalle.
Zwei Linien, die parallel zu den Seiten der Haupthystereseschleife verlaufen,
wurden in Au-Cd-Mehrkristallen festgestellt. Zwei Linien, von denen
jede an den Starttemperaturen der Hin- und Rückumwandlung beginnt, aber weiter getrennt -
also ein Zwischenfall - verlaufen, sind für die Cu-Al-Mn-Mehrkristalle
vorgetragen worden. Zwei gebogenen, eine innere linsenförmige Hystereseschleife
bildenden Linien wurden auf den Cu-Al-Zn-Mehrkristallen festgestellt.
Die Analyse all dieser Arbeiten ergibt, dass die Diskrepanzen
nicht nur durch die unterschiedlichen Ausgangszustände von Proben
(Zusammensetzung, Orientierung oder Textur, Wärmebehandlung, Umwandlungstyp
etc.), sondern auch durch die Bestimmungsmethodik der charakteristischen
Umwandlungstemperaturen und die Bearbeitung von experimentellen Ergebnissen
zustande kommen.
In dieser dreiteiligen Arbeit wurde ein Versuch gemacht, die
gestellten Fragen durch die systematische Untersuchung der thermischen und
ferroelastischen Hysterese von Formgedächtnislegierungen mit verschiedenen
Umwandlungstypen zu beantworten.
Zusammenfassung: Die parabolische Form der
Abhängigkeit der dissipativen Energie von der Phasenfraktion des Martensits war
bereits fär NiTi-Mehrkristalle aufgrund der experimentellen Röntgenuntersuchungen
des Hystereseinneren vorgeschlagen worden. Zwei dissipativen Terme waren für
die unter der Außenspannung thermoinduzierte (symmetrische Hystereseschleife)
und spannungsfreie (eine asymmetrische Hystereseschleife) Umwandlung von
Cu-Zn-Al-Mehrkristallen gefunden worden.
Die gespeicherte elastische Energie weist die gleiche parabolische Abhängigkeit
von der Phasenfraktion des Martensits auf, wie es bekannt ist, und wovon man in diesen
Arbeiten ausgeht. Dies bedeutet, dass die gespeicherte elastische Energie
während der Hinumwandlung nicht vollkommen gespeichert, sondern eben gleichzeitig
teilweise oder auch vollkommen dissipiert wird.
Die Speicherung der elastischen Energie bewirkt Steigung der
Linien des globalen Zweiphasengleichgewichts und verursacht Asymmetrie von
Hystereseschleifen, aber ändert quantitativ die dissipierte Energie nicht, wie es
aus unseren Ergebnissen folgt. Darüber hinaus können wir keine Schlüsse über
den quantitativen Anteil der gespeicherten elastischen Energie ziehen. Die Speicherung
der elastischen Energie setzt einie Verschiebung der As-Temperatur im Verhältnis zu Af-Temperatur und
Mf-Temperatur im Verhältnis zu Ms-Temperatur voraus. Es ist hier
gezeigt worden, dass die Energiedissipation die Temperaturen Mf und Af auch verschiebt. Man
kann lediglich vermuten, dass eine ideale (ohne Energiespeicherung und
-dissipation) Umwandlungstrajektorie durch die aus Gastheorie bekannte
Maxwell'sche Linie und eine ideale (ohne Energiespeicherung) Hystereseschleife
durch ein Rechteck mit sehr kleiner Breite [M's(1)-M's(0)] beschrieben werden.
Dies entspricht qualitativ Müllers Theorie, aber kann keinesfalls quantitativ
den realen Werten der dissipierten Energie entsprechen. Der in den
thermoelastischen Modellen spekulierte Fall der Energiespeicherung ohne ihre
Dissipation ist völlig unrealistisch.
Die pure Speicherung der elastischen Energie spielt eine große Rolle für die Umwandlung von Mn-Cu-
Einkristallen und bestimmt bei den anderen Legierungen die Rändern der Haupthystereseschleife, wo nicht
linearer Charakter der Hystereseschleife durch die Temperaturabhängigkeit bzw.
Spannungsabhängigkeit der Gitterparameter verursacht wird.
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